Beitrag aus der Zeitung
veröffentlich in der b-Zeitung
Besinnlich und mit innerer Einkehr durch die Adventszeit
Die Adventszeit ist von Natur aus eine stille Phase des Jahres. Die Tage sind kurz, das Licht weich, und der Blick richtet sich stärker nach innen. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der jede freie Minute durch Nachrichten, soziale Medien oder flackernde Bildschirme gefüllt wird, haben viele Menschen das Gefühl, innerlich kaum mehr zur Ruhe zu kommen. In meiner täglichen Arbeit als Ärztin erlebe ich, wie wichtig diese Rückzugsräume für unsere körperliche und seelische Gesundheit geworden sind und wie gut sie uns tun, wenn wir sie bewusst gestalten.
Innere Einkehr bedeutet nicht Rückzug aus dem Leben, sondern ein Innehalten innerhalb des Lebens. Der Körper reagiert unmittelbar darauf, der Puls wird ruhiger, die Atmung tiefer, der Blutdruck sinkt, die Muskulatur entspannt sich. Auch unser Nervensystem profitiert. Weniger Reizüberflutung aktiviert den Parasympathikus. Indem er über den Vagusnerv Signale sendet, wirkt er beruhigend auf das Herz, die Lunge, die Muskulatur und führt unseren Körper vom Aktiv-Modus in den Regenerations-Modus. Innehalten ist medizinisch bedeutsam, es senkt den Stresshormonspiegel, stärkt das Immunsystem und verbessert nachweislich die Schlafqualität.
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist der bewusste Verzicht auf digitale Medien. Besonders am Abend führt das permanente Scrollen, die Fülle an Informationen und das grelle Bildschirmlicht zu einer Überstimulation des Gehirns. Das Schlafhormon Melatonin wird gehemmt, die innere Unruhe steigt. Eine medienfreie Stunde vor dem Schlafengehen ist daher ein kleines, aber sehr wirkungsvolles Ritual, bei welchem sich schon nach wenigen Tagen eine wohltuende Veränderung einstellt, mehr Klarheit, weniger Nervosität, tieferes Durchatmen.
Was aber tritt an die Stelle dieser Zeit? Die Adventswochen bieten eine wunderbare Möglichkeit, alte Traditionen wiederzuentdecken, Lesen, Vorlesen, Lauschen, Gespräche. Das gedruckte Wort wirkt auf das Gehirn anders als digitale Inhalte: Es fördert die Konzentration, beruhigt den Herzschlag und schafft innere Bilder, die uns emotional berühren. Vorlesen, sei es für Kinder, Partner, Eltern oder Nachbarn, verbindet auf eine Weise, die kaum ein anderes Ritual erreicht. Die Stimme des anderen, das gemeinsame Sitzen, das Gefühl von Nähe, all das stärkt nachweislich die seelische Widerstandskraft.
Auch sinnliche Genüsse dürfen in einer besinnlichen Adventszeit ihren Platz haben. Eine Tasse Tee aus beruhigenden Kräutern wie Melisse, Lavendel oder Hopfen, der Duft von Zimt und Kardamom, der das vegetative Nervensystem sanft harmonisiert, ein kurzes Abendritual mit warmem Fußbad oder Wärmflasche, das den Körper auf Ruhe einstimmt. Solche einfachen naturheilkundlichen Impulse sind im ländlichen Raum oft seit Generationen verankert und sie verlieren ihre Wirksamkeit nicht.
Besinnung bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu achten. Nicht jeder Termin muss wahrgenommen, nicht jede Erwartung erfüllt werden. Oft reicht ein freundliches, klares Wort: „Ich brauche dieses Jahr etwas mehr Ruhe.“ Aus ärztlicher Sicht ist das keine Schwäche, sondern aktive Gesundheitsvorsorge, denn Überforderung, gerade in dunklen Jahreszeiten, äußert sich häufig körperlich durch Verspannungen, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen oder Erschöpfung.
Wenn wir uns erlauben, die Adventszeit wieder als Zeit der inneren Einkehr zu erleben, entsteht etwas Kostbares, eine kleine Insel des Gleichgewichts, die uns auch durch den Jahreswechsel trägt. Besinnlichkeit ist nicht altmodisch, sie ist heilsam. Und manchmal beginnt sie einfach damit, das Handy wegzulegen, ein Buch aufzuschlagen, ein Licht anzuzünden und die Stille zuzulassen.
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