Beitrag aus der Zeitung
veröffentlich in der b-Zeitung
Seelenhygiene in Zeiten überwiegend schlechter Nachrichten
Kriege, Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen und politische Konflikte, viele Menschen haben den Eindruck, dass die Welt immer bedrohlicher wird. Tatsächlich ist nicht unbedingt die Welt gefährlicher geworden. Verändert hat sich vielmehr die Art und Weise, wie wir Informationen aufnehmen. Nachrichten erreichen uns heute rund um die Uhr über Smartphone, soziale Medien und Messenger-Dienste. Unser Gehirn ist für diese permanente Informationsflut jedoch nicht geschaffen.
Aus evolutionsbiologischer Sicht richtet sich unsere Aufmerksamkeit besonders auf Gefahren. Dieser sogenannte Negativity Bias war über Jahrtausende überlebenswichtig. Wer ein Rascheln im Gebüsch als Warnsignal deutete, hatte bessere Überlebenschancen. Deshalb bewertet unser Gehirn bis heute negative Informationen wichtiger als positive. Schlechte Nachrichten ziehen unsere Aufmerksamkeit nahezu automatisch auf sich und bleiben länger im Gedächtnis. Positive Meldungen gehen dagegen schneller unter. Nicht ohne Grund heißt es im Journalismus seit Langem: „Only bad news are good news.“
Belastende Nachrichten aktivieren die Amygdala im Gehirn, unser „Alarmzentrum“, und führen zur Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol. Kurzfristig ist das sinnvoll, denn es steigert Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit. Werden wir jedoch den ganzen Tag mit negativen Meldungen konfrontiert, bleibt das Stresssystem aktiviert. Die Folge können Schlafstörungen, Grübeln, Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Erschöpfung und depressive Verstimmungen sein.
Während Nachrichten früher zu festen Zeiten konsumiert wurden, begleiten sie uns heute nahezu ununterbrochen. Push-Mitteilungen, Liveticker und soziale Medien unterbrechen ständig unseren Alltag. Gleichzeitig aktiviert jede neue Information das Belohnungssystem im Gehirn. Der Botenstoff Dopamin macht neugierig und verleitet dazu, immer wieder zum Smartphone zu greifen. Daraus kann ein Verhalten entstehen, das als Doomscrolling bezeichnet wird, das zwanghafte Weiterlesen immer neuer negativer Nachrichten. Viele Menschen suchen dabei unbewusst nach Entwarnung und finden stattdessen die nächste Krise.
Der Schweizer Autor Rolf Dobelli weist auf einen weiteren wichtigen Punkt hin: Ein erheblicher Teil der täglichen Nachrichten besteht nicht aus gesicherten Fakten, sondern aus Prognosen und Spekulationen. Unser Gehirn reagiert auf prognostizierte Bedrohungen jedoch fast genauso wie auf reale. Es beschäftigt sich mit möglichen Zukunftsszenarien und versetzt den Körper in Alarmbereitschaft, auch wenn vieles davon niemals eintritt. Gerade diese anhaltende Unsicherheit zählt zu den stärksten psychischen Stressoren.
Seelenhygiene bedeutet deshalb nicht, die Augen vor der Welt zu verschließen. Gut informiert zu sein bleibt wichtig. Entscheidend ist die richtige Dosierung. Ein bis zwei bewusst gewählte Zeitfenster pro Tag reichen meist aus, um informiert zu bleiben. Ständiges Aktualisieren bringt dagegen kaum zusätzlichen Erkenntnisgewinn, belastet aber das Gehirn immer wieder aufs Neue.
Ebenso sinnvoll ist es, Nachrichten nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen zu konsumieren. Empfehlenswert sind außerdem wenige seriöse Informationsquellen und das Abschalten von Push-Mitteilungen. Nicht jede Eilmeldung ist tatsächlich dringend.
Mindestens ebenso wichtig wie ein bewusster Medienkonsum sind die positiven Gegenpole des Alltags. Bewegung, Natur, persönliche Begegnungen, Musik, Humor, Hobbys und ausreichend Schlaf helfen nachweislich, das Stresssystem zu beruhigen. Soziale Kontakte fördern zusätzlich die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin und stärken das Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit. Ebenso wichtig sind regelmäßige smartphonefreie Zeiten, beim Essen, im Schlafzimmer oder während eines Spaziergangs. Schon kurze Phasen ohne Bildschirm geben dem Gehirn Gelegenheit, Reize zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen.
Unser Gehirn unterscheidet nur begrenzt zwischen einer unmittelbaren Gefahr vor der eigenen Haustür und einer Katastrophe am anderen Ende der Welt.
Manchmal ist der wirksamste Rat daher überraschend einfach: Legen Sie das Handy für eine Weile beiseite, gehen Sie eine Runde spazieren oder treffen Sie sich mit Menschen, die Ihnen guttun. Die Welt wird sich in dieser Stunde kaum verändern, Ihr Wohlbefinden möglicherweise schon. Seelenhygiene bedeutet nicht Gleichgültigkeit, sondern einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren eigenen Ressourcen.
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Herzlich, Ihre Dr. med. Grit Schlesiger
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